Wenn die Zivilisation nicht ewig ist, sondern einen Anfang hat, so gab es ein Vorher, und es gab einen Übergang zu ihr. Was tat der Mensch, oder wenigstens der Mann, bevor er die Erde und die Frauen zu unterwerfen begann, ausser dass er ins Feuer pinkelte?
Der Mensch, erklärt Freud, war allein, aber frei. "Die individuelle Freiheit ist kein Kulturgut. Sie war am grössten vor jeder Kultur."29 Zu den anderen Menschen verhielt er sich in zweifacher Weise, gesteuert von seinen zwei ursprünglichen Trieben, dem Eros und dem Aggressions- oder Todestrieb.
Durch den Eros wurde er zu anderen Menschen hingezogen, um sich zu vergnügen und sich fortzupflanzen. Viel stärker aber war der andere Trieb, "die primäre Feindseligkeit der Menschen gegeneinander"30. Die meiste Zeit gab er sich dieser beinahe uneingeschränkt herrschenden Aggressionslust hin31, schweifte durch die Wälder, Goebbels' Wer- oder Wehrwölfen gleich, einzig darauf bedacht, unter dem Motto "Hass ist unser Gebet und Rache unser Feldgeschrei" den Feind zu massakrieren.
Irgendwann aber erkannte der Menschen, dass er durch Arbeit seinen Lebensstandard erhöhten konnte. Und Arbeit bedeutet zwangsläufig: Zusammenarbeit mit Anderen. "Der andere gewann für ihn den Wert des Mitarbeiters, mit dem zusammen zu leben nützlich war."32 Diese neue Situation verlangte einiges vom Menschen ab. Zuerst musste er, immer noch nach Freud, auf einen grossen Teil seiner individuellen Freiheit verzichten. Die rohe Gewalt der sich zusammenfindenden Einzelnen wird durch die einer sich einigen Mehrheit ersetzt und als Rechtssystem etabliert. Dieses Allgemeine, die Gesellschaft, verstrickt sich zwangsläufig in Widersprüche mit den Forderungen der Individuen, Widersprüche, die sich weder auf die eine noch auf die andere Seite schlichten und die deshalb den Menschen seit jenem Zeitpunkt keine Ruhe mehr lassen. "Ein guter Teil des Ringens der Menschheit staut sich um die eine Aufgabe, einen zweckmässigen, d.h. beglückenden Ausgleich zwischen diesen individuellen und den kulturellen Massenansprüchen zu finden."33
Dieser Ausgleich verlangt vorab vom Individuum ein grosses Entgegenkommen. Die Triebe, dem es sich früher ohne Hemmungen hinzugeben pflegte, müssen verändert, oder wie die Psychoanalyse es nennt, sublimiert werden, wenn nicht die ganze Errungenschaft wieder zugrunde gehen soll. Zivilisation bedeutet Triebverzicht.
Der Eros auf der einen Seite erlebt zugleich eine Einschränkung und Erweiterung. Da der Andere, soll er der Mitarbeiter sein, nicht mehr der Feind sein darf, wird der Versuch unternommen, den Eros auf ihn auszudehnen, und zwar von seinen sexuellen Komponenten gereinigt, als "zielgehemmte Liebe"34, als Freundschaft. Die Bindung der Menschen durch die Arbeit ist nur dann dauerhaft, wenn sie von dieser tiefer gehenden, libidinösen Bindung gespiesen wird. Die Sexualität selber wird reduziert auf die "heterosexuelle genitale Liebe" in der Einehe35. Der Erfolg dieser Umfunktionierung, der so weit geht, dass der Kulturmensch sogar für die Barbaren eine libidinöse Bindung entwickelt und sie ebenfalls mit den Segnungen der Zivilisation beglücken will - heute heisst das freier Welthandel -, dieser Erfolg kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass durch die Sublimierung der Eros schwer geschädigt wird.
Er kann auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass der andere Trieb, die Aggression, sein Werk weiter ungehindert verrichtet und der Mensch noch immer die "wilde Bestie"36, der Wolf des Menschen bleibt und alles unternimmt, die Zivilisation zu vernichten. Diese muss noch weitere Anstrengungen unternehmen, um auch die Aggression in die Schranken zu weisen, um auch sie zu sublimieren. Am einfachsten geschieht dies, indem die Aggression nach aussen, auf einen anderen Kulturkreis gewendet wird, den es dann mit organisierter Gewalt zu bekämpfen gilt, oder auf die Natur, um sie der Zivilisation dienstbar zu machen. Allerdings ist der Todestrieb so allgegenwärtig, dass er jeden einzelnen Versuch des Eros, die Menschen zusammenzuschliessen, zu sabotieren droht. Jede Anstrengung einer Vereinigung bedingt einen Kampf gegen die auflösenden Kräfte der Aggression. Dieser "Kampf zwischen Eros und Tod ... ist der wesentliche Inhalt des Lebens überhaupt, und darum ist die Kulturentwicklung kurzweg zu bezeichnen als der Lebenskampf der Menschenart"37.
Der erste Schritt zu einer Sublimierung des Todestriebes geschieht durch das bereits erwähnte Rechtssystem. Die Autorität, die Allgemeinheit benennt die individuelle Aggression als das Böse und droht dem Übeltäter mit Strafe, vorweg mit Liebesentzug. Doch die Angst vor dem Bösen, die sie damit in den Individuen bewirken wollte, stellt sich als Angst vor dem Entdecktwerden heraus, geradezu als Appell an die Schlauheit des Todestriebs. Die Autorität muss noch einen Schritt weiter gehen und das Innerste der Menschen selber für sich gewinnen. Dies geschieht dadurch, dass sie in ihrer Psyche ein Gewissen, in der Psychoanalyse Über-Ich genannt, einsetzt. Im Über-Ich wird die Aggression zurückgebogen auf ihren Ausgangspunkt und bereichert mit den Forderungen der Allgemeinheit. "Die Aggression des Gewissens konserviert die Aggresion der Autorität"38. Das Über-Ich wacht nicht wie die Polizei erst über die Untaten selber, sondern schon über den Impuls zu ihr. Nicht der Blick des Gesetzeshüters, allein schon der böse Gedanke wird zur Ursache eines Schuldgefühls und damit zum Hindernis vor der Tat.
Auch diese zweite Sublimierung ist nicht so erfolgreich, wie es den Anschein hat. Ihr Eindruck auf das Ich, das Schuldgefühl oder schlechte Gewissen, steht nämlich in keinem realen Zusammenhang mit der objektiven Bösartigkeit eines Menschen, eher im Gegenteil. Je mehr sich jemand in die Gesellschaft integriert und sich mit den Forderungen der Allgemeinheit identifiziert, je mehr er ihnen Platz in seiner Psyche einräumt, umso stärker wird das Über-Ich. Und da dieses notwendigerweise aggressive Gedanken in ihm entdecken muss, hat gerade die Stärke des Allgemeinen in einem Menschen das paradoxe Resultat, dass er sich um so schuldiger fühlt, "so dass am Ende gerade die es in der Heiligkeit am weitesten gebracht sich der ärgsten Sündhaftigkeit beschuldigen"39.
Dies lässt sich an dem für Freud zentralen Ödipuskomplex nachweisen, in dem er die Quelle des ursprünglichen und unvermeidlichen Schuldgefühls der Menschheit entdeckt. "Der Vater der Vorzeit war gewiss fürchterlich"40, herrschte mit Brutalität und unsublimiertem Todestrieb. Dieser Vater wurde durch die Vereinigung der Brüder getötet, was in ihnen ein Gefühl der Reue hinterliess, da sie ihn ja nicht nur hassten, sondern auch liebten. Die Liebe zum getöteten Vater, gepaart mit der Reue über seine Ermordung, setzte in den Tätern eine erste Form von Über-Ich ein, mit dem Vater als Repräsentanten des Guten. Dieses Über-Ich traf auch in den folgenden Generationen noch auf den Hass gegen den Vater und wurde damit unausweichlich, auch beim Ausbleiben der Tat, zur Ursache eines Schuldgefühls; damit aber auch Garant des Überlebens des Vaters. "Das Schuldgefühl ist der Ausdruck des Ambivalenzkonflikts, des ewigen Kampfes zwischen dem Eros und dem Destruktions- oder Todestrieb. Dieser Konflikt wird angefacht, sobald den Menschen die Aufgabe des Zusammenlebens gestellt wird."41