Haben wir versucht, über einige Abschnitte Freud möglichst unverfälscht wiederzugeben, so ist es jetzt um so nötiger, entschiedenen Einspruch zu erheben: Diese ganze Geschichte ist falsch!
Auf eine methodische Bedenklichkeit geht schon Freud selber ein. Eine Theorie wie die der Ableitung des Schuldgefühles aus so etwas wie dem Ödipuskomplex lässt sich gar nicht beweisen, nicht einmal widerlegen. Sie hat recht, unabhängig davon, ob die Tötung des Urvaters tatsächlich stattgefunden hat oder nicht. Hat sie stattgefunden, so erklärt sie das Schuldgefühl wie oben beschrieben, wurde der Urvater nicht getötet, so erklärt sie es damit, dass das Über-Ich schon installiert war, bevor die Aggression zur Tat schreiten konnte. Allerdings liegt dieses Sich selbst Bewahrheiten schon in der Sache selber, im Gewissen, das seinen Eigentümer in jedem Fall verurteilt. Das Gewissen ist ein realer Zirkelschluss, Theorien darüber können nicht anders, als sich zu widersprechen und sich den hergebrachten Kriterien von Verifizier- und Falsifizierbarkeit zu entziehen. Andererseits ist es doch mehr als gewagt, daraus historische Gegebenheiten abzuleiten.
Die zweite Bedenklichkeit betrifft die Lehre von den zwei Trieben, die sich seit Urbeginn im Menschen bekämpfen sollen. Sie konstatiert, dass die Menschen sich zum Teil lieben und zum Teil hassen. Daraus zieht sie die Folgerung, dass sie sich lieben, weil sie vom Eros getrieben, und sich hassen, weil sie vom Todestrieb besessen sind. Diese Aussage scheint nur das zu wiederholen, was schon bekannt ist, einfach mit anderen Worten. Dem ist aber nicht so. Durch das Unterstellen eines Triebes, der Ursache von Phänomenen sein soll, findet eine Verdoppelung statt. Auf der einen Seite der Trieb, auf der anderen Seite das Faktum. Diese sind aber nicht mehr nur zweimal das selbe. Der Trieb gilt in diesem Verhältnis als das Wesentliche, der Kern der Sache, das Faktum als seine Erscheinung, die Oberfläche. Menschen bringen sich um wegen ihrer Aggression, bedeutet, dass in ihrem Morden ihr inneres Wesen zur Erscheinung kommt. Und da dieses Wesen ewig und unveränderlich wie ein Naturgesetz ist, können sie nicht anders, als ewig sich abzuschlachten, oder wenigstens ewig versuchen, den Eros als Gegeninstanz gegen das Gemetzel aufzurufen. Die einfache Spiegelung der Erscheinung in ihr vermeintliches Wesen, reflektiert sich zurück in die Feststellung, dass die Welt gar nicht anders sein könnte, als sie gerade mal ist.
Doch der gewichtigste Einwand ist nicht abstrakt philosophischer Art: Der Urzustand des freien, ungehemmten Individuums ist eine Fiktion, ein Märchen, das die neuzeitlichen Vertragstheoretiker seit Hobbes zum besten gegeben haben. Der Mensch, das war seit jeher schon die Menschen. Menschen lebten immer in Gemeinschaft, von allem Anfang an, sogar schon, als sie sich zum ersten Mal in der Savanne auf die Hinterfüsse stellten, um eine Antilope zu erspähen. Dass sich einzelne von ihnen aus der Gemeinschaft entlassen, sich ihr entgegensetzen und sie nur noch als Mittel zum Erreichen ihrer Ziele verwenden, lässt sich in grösserem Stil überhaupt erst seit der Renaissance feststellen, einer Zeit, die am reinsten zugleich die als exemplarische Persönlichkeiten verehrten Individuen, wie auch, etwa in der Gestalt des Franz von Assisi, ihre absolute Verneinung hervorbrachte. Das Problem der indidivuellen Freiheit tauchte parallel dazu erst in der neuzeitlichen europäischen Philosophie auf.
Der Eintritt in die Zivilisation war denn auch nicht die idyllische Veranstaltung, in der der Mensch erkannte, dass er sein Los verbessern kann, indem er seine Wolfsseele ablegt und mit den anderen zusammenarbeitet. Am Anfang der Zivilisation stand die Erkenntnis von Wenigen, dass sie durch Unterwerfung von Vielen unter ihre Zwecke ihr eigenes Los verbessern konnten. Das Mittel dazu war, die Vielen von ihren Nahrungsquellen abzuschneiden, sie sesshaft zu machen, an die Scholle oder an den Herd zu fesseln und die unterschiedlichen Tätigkeiten innerhalb der Gemeinschaft in der festen Form von Arbeitsteilung zu versteinern. Ihr Aufbegehren gegen die Domestizierung wird, psychoanalytisch gedeutet und unter der Voraussetzung der Unvermeidlichkeit der Zivilisation, zum ewigen Todestrieb. Das Brechen dieses Widerstandes liess das Gewissen entstehen, das durch ganz andere Drohungen als nur die des Liebesentzuges den Menschen eingebrannt wurde.
Der Urvater, gegen den aufzubegehren der Brüdergemeinschaft angeblich das Schuldgefühl einpflanzte, war nie nur der leibliche Vater. Schon Lajos war nicht nur Familien-, sondern Staatsoberhaupt. Dies wird auch dem Aufbegehrenden klar, sobald er ihm nicht wie Ödipus als unbekanntem Wanderer, sondern wie Hämon dem Kreon mit vollem Bewusstsein entgegentritt:
"Denn so viel schätz ich keine Hochzeit nicht,
dass sie mir lieber als dein
Glück im Herrschen."42
Der Selbstmord des Hämon ist letztlich der Einsicht geschuldet, dass er zwar den Vater ermorden könnte, aber nicht den König, nicht die Gesellschaft, deren Gesetze den Tod der Antigone fordern.
"Und nimmer sollst du sehn mein Haupt vor Augen,
damit du ungestört mit
denen bleibst, die dein sind."43
Antigone ihrerseits, von ihrer mustergültig zivilisierten Schwester Ismene "verwilderte"44 genannt, zeigt den gewissen-losen, nicht domestizierten Menschen als das Gegenteil der wilden Bestie, als die ihn die modernen Denker gerne sähen.
Es greift zu kurz, die Philosophen und Psychologen, die gewiss zu den intelligenteren Repräsentanten der Spezies Mensch zu zählen sind, dieser Konstuktion wegen der Dummheit zu zeihen. Auch das Argument des mangelhaften historischen Wissens liesse sich allenfalls noch bei Hobbes anbringen, sicher nicht mehr bei Freud. Die Theorie des freien Individuums ist nicht nur falsch, sie ist auch richtig, nur nicht in der Weise, wie sie vorgetragen wird. Wie das Individuum und das Problem individueller Freiheit erst in der Moderne auftrat, beschreibt der Übergang vom Einzelmenschen zur vertraglich geregelten Gesellschaft nicht einen historischen Ablauf, sondern die gegenwärtige Gesellschaft. Nur wird dem logischen, funktionalen Zusammenhang eine Zeitachse untergeschoben, mit der Nebenfolge, dass wiederum die Welt, wie sie ist, als So und nicht anders sein Könnend herauskommt.
Der mit primärer Feindseligkeit gegen Andere ausgestattete Wilde ist der moderne Mensch. Aus der Gesellschaft hinausgeworfen, dient sie ihm nur als Mittel, seine eigenen Zwecke zu verfolgen, sei es, dass er als Unternehmer sein Geld in sie entlässt, um es vermehrt wieder zurückzubekommen, oder sei es, dass er als der sogenannte Arbeitnehmer seine Arbeitskraft hingibt, um als Gegenleistung ebenfalls Geld zu erhalten. Der Andere erscheint ihm zuerst als Feind, als der Konkurrent, der nach den selben Kunden oder nach der selben Stelle hascht und dem er im struggle for survival den Untergang wünscht, dann als der Vertragspartner, der sein Produkt kauft oder ihn einstellt, der am Leben bleiben muss, um es tun zu können und zu dem er deshalb besser freundlich als feindlich gesinnt ist. Über das Verhältnis zu ihm und gegen das Ausarten in nackte Gewalt wacht in beiden Fällen und in seinem eigenen langfristigen Interesse der Staat, und beide Male wird die Verbindung über ein Drittes hergestellt, über das Geld. Seine Situation ist die der vermeintlichen Freiheit, er kann investieren oder nicht, er kann sich anstellen lassen oder nicht, aber bei Strafe des Unterganges muss er es auf jeden Fall tun und sich den Mächten ausliefern, die ausserhalb seiner Kontrolle stehen, dem, wie Freud sich ausdrückt, "eigenartigen Prozess, der über die Menschheit abläuft"45. Dass die Menschen zusammenleben, dieser ihr Zusammenhang ist noch immer vorhanden, er kann gar nicht verschwinden, aber er ist nur noch als verkehrter, nicht einmal mehr als Zwangsgesellschaft, die von einem oder einigen Despoten gelenkt wird, sondern als der Zwang verselbständigter Prozesse, denen alle ausgeliefert sind, ohnmächtig auch die Schönen und Reichen. Die Vereinzelung, der auf sich allein gestellte Mensch, das Gegenteil von Gemeinschaft, ist damit zum Grundprinzip der Gesellschaft selber geworden.
So ist es logisch korrekt, in der Darstellung vom Individuum und dem Kampf der Individuen zur Gesellschaft weiterzugehen, weil sie die Motoren sind, die sie am Leben erhalten, korrekt sogar die Feststellung, dass sie sich notwendigerweise vergesellschaften müssen, aber falsch, daraus eine historische Entwicklung abzuleiten.