Lange Zeit galt es als gewiss, dass der Weg des Kindes zum Erwachsenen im Kleinen den Weg der Weltgeschichte nachzeichnet, dass das Kind im Spiel lernt, was die Menschheit mit Blut und Tränen erarbeitet hat. Auch wenn sich dies, vor allem, was die Technik angeht, als Irrtum herausgestellt hat - das Kind spielt heute mit Geräten, die seinen Eltern auch morgen ein Buch mit sieben Siegeln bleiben -, so können wir doch annehmen, dass das frühkindliche Bewusstsein, das noch nicht zwischen Innen und Aussen unterscheidet, in weiten Teilen mit dem der Menschen vor ihrer Zivilisierung übereinstimmt. Der Gebrauch von Werkzeugen setzte zwar seit jeher rudimentäre Formen von Subjekt und Objekt, Naturerkenntnis und Zwecksetzung voraus, die scharfe Trennung der Sphären erfolgte aber erst mit der Grenzziehung zwischen Mensch und Mensch und zwischen Mensch und Natur, genauer gesagt mit der Grenzziehung zwischen Herrschern und Beherrschten, zwischen guter, gezähmter und gezüchteter Natur und schlechter, wilder Natur.
Dass der aufrechte Gang des Menschen Voraussetzung dieser Entwicklung war, lässt sich schwerlich bestreiten. Doch dass diesem bereits der Entschluss der "Abwendung des Menschen von der Erde"46 zugrunde liegt, verkehrt wieder die historische Abfolge. Sonst müssten wir bei allen Tieren, die nur auf den Hinterfüssen gehen, diese Tendenz zur Unterwerfung der Natur finden, bei den Pinguinen etwa. Aber sie bauen keine Maschinen, und dass sie Kongresse abhalten, ist ein kinematographischer Mythos; vermutlich schämen sie sich noch nicht einmal. Das "Zurücktreten der Geruchsreize"47 und im übrigen aller Sinne gegenüber dem Sehen ist nicht Folge des aufrechten Ganges, sondern Folge der Domestizierung. Die Rolle aller übrigen Sinne "wurde von Gesichtserregungen übernommen, die im Gegensatz zu den intermittierenden Geruchsreizen eine permanente Wirkung unterhalten konnten". Riechen, Schmecken, Fühlen, dies alles ist zu wenig zuverlässig, zu wenig beherrschbar, berechenbar. Erst im Sehen vermag sich der Mensch den anderen Menschen und der Natur entgegenzusetzen. Durch das Verabsolutieren dieses einzelnen Sinnes wird die Gefahr des Verschmelzens mit dem zu Beherrschenden gebannt. In Denkabläufe eingeschliffen wird daraus die Vernunft. Rationalität ist visuelles Denken in seiner kristallinen Form.
Reinigung des Denkens zum Ich unter dem Zwang des Über-Ichs und Reinigung der Natur innerhalb des Zauns von allem Unkraut, von allem nicht von Menschen Gewollten unter dem Zwang der Herrschaft, beschreiben den selben Vorgang. Was im Innern das Ich unter dem Diktat des Über-Ich ins Es verdrängt, fällt aussen der Rückdrängung, Umzüchtung und Vernichtung durch die Bauern und Soldaten zum Opfer. Am härtesten geht der Zivilisierte mit seiner eigenen Vergangenheit ins Gericht, mit dem nicht-sesshaften Leben. Nur schon das Gerücht, dass da jemand nicht bleibt, wo er hingehört, verleitet ihn zu Reaktionen, die weit jenseits jeder Bedrohung liegen und im Medizinischen als allergisch bezeichnet würden. Das Aufbrechen der Helvetier oder Kimbern aus ihren vermeintlich natürlichen Grenzen lässt den Römer erzittern wie den modernen Europäer die Wagen der Sinti und Roma, ein Erschrecken, das die Wandernden als Schrecken heimsucht, von den Kelten und Germanen bis zuletzt zu den Kindern der Landstrasse. Sogar Freud illustriert die These, der Mensch sei eine Bestie, bevorzugt mit den "Greueln der Völkerwanderung, den Einbrüchen der Hunnen, der sogenannten Mongolen unter Dschengis Khan und Timurlenk, der Eroberung Jerusalems durch die frommen Kreuzfahrer"48, eine Aufzählung, von der er den noch nicht weit zurückliegenden Weltkrieg durch ein "ja selbst noch" deutlich absetzt.
Demgegenüber scheint das "Kulturstreben nach Reinlichkeit, das in hygienischen Rücksichten eine nachträgliche Rechtfertigung findet"49 eine willkürliche Zutat zu sein. Doch es hat seine Funktion, wie Freud feststellt, in der Abwendung unerwünschter Erregungen von den nicht mehr geduldeten Sinnen. Keine Pflanze, kein Tier, vor allem keine Wahrnehmung soll sein, die der Mensch nicht gewollt, nicht geschaffen hat.
Der endgültig Zivilisierte schliesslich hat die Reinigung der Sinne soweit vollbracht, dass er nicht nur gänzlich audiovisuell50 orientiert ist, sondern an seine Augen und Ohren auch nur noch solche Reize hernanlässt, die Zeichen oder Bilder sind. Das Abbild der Sache auf dem Bildschirm und im Dolby Surround System gilt ihm höher als die Sache selbst, auch wenn diese längst zur vollends kontrollierten geworden ist. Als Karikatur holt ihn seine Vergangenheit als Jäger und Sammler ein, indem er wieder mobil wurde, widerstandlos verschiebbar zwischen beliebigen Arbeitsplätzen und auch auf dem Weg dazwischen für jeden Auftrag erreichbar. So geistert er durch die Städte und Vorstädte, in deren Urwald er instinktiv seinen MacDonalds und seinen WLAN Hotspot findet, und erwacht nur dort zum Leben, wo er auf Empfang ist, gleich den untoten Portraits Verstorbener auf Hogwarts, die nur dann zu ihrer Scheinexistenz kommen, wenn sie Platz in einem Bilderrahmen finden. Die Natur, die er mit seinem Minergie-Haus zu schonen wähnt, erträgt er nur noch hinter Aktivkohle- und UV-Filtern, oder unter dem Einfluss von Antihistaminika.