Dass sich der Mensch in diesem Zustand wohlfühlt, ist mit Recht zu bezweifeln. Nicht zuletzt die Glücksverheissungen der Werbung, auf die er anspricht, können als Fingerzeig auf sein Unbehagen verstanden werden. Das Symptom, das Freud untersucht, ist allgegenwärtig, auch wenn er mit seiner Diagnose danebengreift. "Wie gewaltig muss das Kulturhindernis der Aggression sein, wenn die Abwehr derselben ebenso unglücklich machen kann wie die Aggression selbst!", ruft er verzweifelt aus51. Das zivilisations-immanent logische Denken, das sich als historisches gebärdet, kehrt in einer Kreisbewegung unweigerlich zu seinen Voraussetzungen zurück, aber nicht, um sich in ihnen bestätigt zu finden, sondern um mit seinem Kopf von neuem gegen das zu stossen, was sich nicht auflösen lässt. Unterdrückung der Aggression erscheint als Notwendigkeit und Übel zugleich, als das, was den Menschen das Zusammenleben erlaubt, aber sie zwingend unglücklich macht. Druck ist nötig, aber möglich nur bis zu einer gewissen Grenze, jenseits der das Ich mit "Auflehnung oder Neurose"52 reagiert. Und daran, nur an dieses eventuelle Zuviel des Druckes schliesst sich die Frage an: "Soll man nicht zur Diagnose berechtigt sein, dass manche Kulturen - oder Kulturepochen - möglicherweise die ganze Menschheit - unter dem Einfluss der Kulturbestrebungen `neurotisch' geworden sind?"53
Der einzige Ausweg, der Freud gangbar erscheint, ist die Ausdehnung der psychotherapeutischen Praxis auf die ganze Gesellschaft - obwohl ihr, wie er selber sagt, niemand die Therapie verschreiben kann. Wie in der individuellen Therapie die Lösung oft darin besteht, die Forderungen des Über-Ich zurückzuweisen, wenn sie das Ich krankmachen54, ist die Verlaufsform der gesellschaftlichen Konflikte die, welche dem Individuum in der Gesellschaft den Raum zum Atmen lässt, aber nur soweit, dass es nicht soviel Aggression freisetzt, die die Allgemeinheit gefährden könnte. Diese Forderung, die verdächtig nach der rechtsbürgerlichen nach weniger Staat klingt, spricht einem ewigen Kräftemessen und Masshalten das Wort und verschiebt die Lösung auf die Asymptote ins Unendliche. Doch Versuche der friedlichen Koexistenz, des Nebeneinander von sich Widerstreitendem, sind nie von Dauer, ob aussen-, innen- oder umweltpolitisch. Das Stärkere setzt sich durch, auch ohne Krieg und Diktatur. Nachhaltigkeit heisst gegenwärtig der Mantel, in den sich die Illusion kleidet, es könne alles so bleiben, wie es ist, und sich doch zum Guten wenden.
Konkret aus der Psychoanalyse ableiten, und er wurde aus ihr abgeleitet, liesse sich der Ruf nach der Befreiung der durch die Zivilisation geschädigten Sexualität. An der Entwicklung dieser Bewegung offenbart sich die Einseitigkeit, das Wesen des Menschen nur in der Sexualität zu suchen, und die Einseitigkeit, den Vereinzelten gegenüber der Allgemeinheit aufwerten zu wollen. Was dem Individuum zuerst Erleichterung brachte, hat zuletzt nur einen weiteren Bereich der Verwertung und Fremdbestimmung erschlossen. Befreiung unter gegebenen Umständen läuft immer auf die Freilegung zum Markt hinaus.
Die Selbstkritik der Psychoanalyse dagegen würde erlauben, ernst zu machen mit der Abwehr des "enthusiastischen Vorurteils, unsere Kultur sei das Kostbarste, was wir besitzen"55. Hätte sie erst erkannt, dass Todestrieb und Eros und ihr Kampf gegeneinander Produkte der Zivilisation sind, so wäre diese nicht mehr das Unvermeidliche. Die Ursache von Neurose läge nicht mehr im Exzess des Über-Ichs, sondern in der Dreiteilung der Psyche selber. Das Ich erschiene als ebenso falsch wie das Über-Ich und das Es, keines wäre das Erhaltenswerte, jedes schon die Deformation in sich bergend, weil vom anderen getrennt. In den Blick träte die radikale Heilung als die Auflösung der Grenzen zwischen den Dreien, die nur als Auflösung ihrer materiellen Urbilder Individuum, Gesellschaft und Natur von Dauer sein könnte. Eine Kritik dieser Art hätte sich gegen die Grundlage der Grenzziehung zu wenden, gegen die Herrschaft von Menschen über Menschen und gegen die Unterwerfung der Natur.