Die Hiroshima-Alternative

Tekki

2003

Hör Dir das mal an. Tagebucheintragung vom 25. Juli 1945: "Es scheint, wir haben die schrecklichste Entdeckung gemacht, aber sie kann zur allernützlichsten werden."

Wer schreibt das?

Harry S. Truman.

Der war damals Präsident der USA.

Richtig. Roosevelt, sein Vorgänger, war am 12. April gestorben. Hirnblutung. Vier Wochen vor der deutschen Kapitulation. Truman war als Vizepräsident automatisch sein Nachfolger geworden.

Weisst Du, was er auch noch schreibt? "Das Ziel wird rein militärisch sein".

Welches Ziel?

Hiroshima.

Glaubt er das wirklich?

Er sieht es folgendermassen: "Ich habe den Kriegsminister Mr. Stimson angewiesen, die Waffe so einzusetzen, dass militärische Einrichtungen, Soldaten und Seeleute das Ziel sind und nicht Frauen und Kinder."

Hiroshima war eine Stadt.

Mit militärischen Einrichtungen, die kaum noch benutzt wurden.

Trotzdem...

Am 9. August hielt er eine Radioansprache: "Wir teilen der Welt mit, dass wir die erste Atombombe auf Hiroshima abgeworfen haben, einen Militärstützpunkt. Dies, weil wir bei diesem ersten Angriff so weit wie möglich zivile Opfer vermeiden wollten."

Wieder das selbe. Glaubt er es doch?

Vielleicht glaubt er daran, obwohl er es besser weiss. Die Psychologie spricht, wenn ich recht informiert bin, vom Mechanismus des Rationalisierens.

Genau. Wenn jemand in einer Situation ist, die ihm widerstrebt, aus der er aber keinen Ausweg sieht, schränkt er seinen Blickwinkel so weit ein, dass ihm alles notwendig und unausweichlich erscheint. Sonst würde er es nicht aushalten.

Hiroshima ist ein Militärstützpunkt, deshalb ist es notwendig, dass wir die Bombe dort abwerfen.

Ungefähr so.

Weisst Du, was mich auf diesen Gedanken gebracht hat? Am Tag nach dem Einsatz wurde ein Ausspruch von Truman in der New York Times zitiert: "Wir haben 2 Milliarden Dollar im grössten wissenschaftlichen Pokerspiel aller Zeiten gesetzt - und gewonnen."

Die Welt als Spiel. Auch eine Form des Selbstschutzes. Ich entziehe mich der Welt und lasse sie nur noch als Spiel gelten, an dem ich freiwillig teilnehme. Wenn ich nicht wollte, müsste ich nicht mitmachen, ich kann jeden Moment wieder aussteigen. Und es ist alles nur halb so schlimm, was dort geschieht, es ist ja nur ein Spiel.

Müssen wir daraus schliessen, dass Truman Skrupel hatte, die Bombe einzusetzen?

Es spricht einiges dafür. An jenem 25. Juli war er in Potsdam. Konferenz der Siegermächte. Am Vortag hatte er Stalin über die Entwicklung der neuen Waffe informiert. Dieser zeigte allerdings wenig Interesse und gab nur der Hoffnung ausdruck, dass die USA sie erfolgreich gegen Japan verwenden würden. Am Morgen des 25. unterzeichnete Truman einen Geheimbefehl, der an General Carl Spaatz auf der Marianeninsel Tinian übermittelt wurde.

General Spaatz war...

Oberbefehlshaber der strategischen Luftstreitkräfte im Pazifik. Gerade eben hatte er diesen Posten übernommen, aus Europa zurückgekehrt, wo er zuletzt als Zeuge der Unterzeichnung der deutschen Kapitulation beigewohnt hatte. Der Befehl war ursprünglich nur mündlich erteilt worden. Wegen seiner Tragweite verlangte Spaatz aber ein schriftliches Dokument. Es begann mit den Worten: "Die 509. Composite Group der 20. Air Force wird ihre erste Spezialbombe, sobald das Wetter nach dem 3. August einen Abwurf auf Sicht zulässt, gegen eines der folgenden Ziele einsetzen: Hiroshima, Kokura, Niigata oder Nagasaki." Für die 509. Bombergruppe war es eine Erleichterung. Endlich, nachdem sie mit ihren B-29 monatelang trainiert hatten, stand der Einsatz vor der Tür.

B-29 hiessen die Flugzeuge?

Ja. Die B-29 war ein viermotoriger Bomber, das schwerste Kampfflugzeug des Zweiten Weltkriegs. Der Prototyp wurde von Boeing gebaut. Er machte im September 1942 seinen Jungfernflug. Die ersten Staffeln wurden Mitte 1943 gebildet und ausschliesslich gegen Japan eingesetzt. Da die B-29 eine Druckkabine besass, konnte sie über 10'000 Meter hoch steigen. Die Japaner trauten ihr sogar eine Gipfelhöhe von 12'500 Meter zu.

So hoch fliegen heute die Verkehrsflugzeuge. Die B-29 hatte aber Propeller?

Ja. Propeller und Kolbenmotoren. Ihre Höchstgeschwindigkeit betrug 570 Stundenkilometer auf 9150 Meter über Meer. Damit flog sie den meisten japanischen Abfangjägern einfach davon. Erst die Nakajima Ki.84, genannt Hayate, der Sturm, konnte auf die selbe Höhe wie eine B-29 steigen und war auf 6000 Meter 620 Stundenkilometer schnell. Sie wurde allerdings erst ein Jahr vor Kriegsende in Dienst gestellt und war in ihren Flugeigenschaften der B-29 nicht so weit überlegen, dass sie sie wirksam hätte bekämpfen können. Die Ki.94, deren Erbauer bei Tachikawa sich eine Höchstgeschwindigkeit von über 700 Stundenkilometern und eine Maximalhöhe von 14'000 Metern versprachen, verliess die Werkstatt nie. Der Prototyp wurde im August fertig und hätte am 15. seinen Erstflug machen sollen. Er fand aus bekannten Gründen nicht statt.

Weil der Krieg zu Ende war.

Die Gefahr für die B-29 war so gering, dass in der zweiten Baureihe auf sämtliche Abwehrwaffen ausser dem Heckgeschütz verzichtet wurde. Damit wurde die Nutzlast auf über neun Tonnen erhöht. Genug, dass sie in der Lage war, auch die Atombombe, die immerhin 4500 Kilogramm schwer war, von den Marianen nach Japan zu transportieren. Nicht nur die Herstellung der Bombe selber, auch ihr Transport lag an der Grenze des technisch Machbaren.

Die B-29, die Ki.84. Weshalb sind Flugzeuge weiblich?

Keine Ahnung. Schiffe auch.

Ist ja nicht so wichtig.

Aber interessant vielleicht doch.

Wie dem auch sei, die Piloten der 509. Bombergruppe hatten geübt und geübt. Vom September 44 an in der Wüste zwischen Nevada und Utah, im Januar und Februar 1945 in Kuba und schliesslich, ab dem Juni 1945, von der Marianeninsel Tinian aus. Sie hatten mit ihren B-29 rätselhafte Einsätze geflogen, in denen sie immer nur ein einzelne Bombe abwarfen, um sofort, von einer Steilkurve in den Sturzflug übergehend, so rasch wie möglich das Weite zu suchen. Innerhalb von 43 Sekunden 13 Kilometer vom Abwurfpunkt entfernt zu sein, lautete die Vorgabe. Oder genauer gesagt hatten sie von da an, dem Zeitpunkt der Zündung, nochmals 15 Sekunde Zeit, bis sie irgendetwas Unbekanntes einholen würde. Weshalb sie dieses Manöver flogen, war den meisten von ihnen nicht klar. Und auch die Eingeweihten konnten zu diesem Zeitpunkt weder vorhersagen, wie gross die Druckwelle einer Atomexplosion sein würde, noch wussten sie, welchen Schock das Flugzeug aushielt. In England waren zwar vielversprechende Experimente mit dem Überfliegen von Explosionen gemacht worden, doch die Daten waren nur lückenhaft.

Die Trainings in der Wüste und auf Kuba hatten in abgeschiedenen Gegenden und unter strenger Geheimhaltung stattgefunden. Auf Tinian, von wo aus täglich hunderte von Bombern gegen die japanischen Städte starteten, erregte es sofort Aufsehen, dass die Flieger der 509. Bombergruppe an keinem Einsatz teilnahmen. Sie wurden von den anderen Besatzungen spöttisch die victory boys genannt.

Die Zielvorgabe wurde übrigens noch mehrmals überarbeitet. Am 31. Juli wurde Hiroshima zum primären Ziel bestimmt. Am ersten August wurde Niigata von der Liste gestrichen. Zu klein. Für den endgültige Befehl vom 3. August blieben drei Ziele übrig: erstens Hiroshima, zweitens Kokura, drittens Nagasaki.

Weshalb hat Truman den Einsatzbefehl gegeben, obwohl er Skrupel hatte?

Ob es so war, können wir nicht mit Bestimmtheit sagen. Es gibt ein paar Indizien, aber fragen können wir ihn nicht. Truman ist 1972 gestorben. Im Grunde ist es eine unwichtige Frage.

Unwichtig? Weshalb?

Weil der Befehl vernünftig war.

Er war - ?

Vernünftig. Das war keine zufällige, leichtfertige Entscheidung. Jedes Detail wurde vorher untersucht, durchgerechnet. Luftaufnahmen wurden gemacht, Einwohnerzahlen geschätzt, Häuser gezählt und in Kategorien eingeteilt: Baumaterial, Abmessungen, Brennbarkeit.

Am 10. und 11. Mai hatte das sogenannte Target Committee in Los Alamos getagt, um sich Gedanken über mögliche Ziele und einige technische Details zu machen. Los Alamos war das Zentrum der Atomwaffenentwicklung. Die Kriterien für die Auswahl waren: Es musste sich um ein wichtiges Ziel innerhalb einer Grossstadt mit einem Durchmesser von mehr als 3 Meilen handeln, es musste mit einem Schlag zerstörbar sein und durfte bis zum August nicht mit konventionellen Bomben angegriffen werden. Jedes dieser Kriterien stützte sich auf umfangreiche Vorarbeiten. Mannjahre an Arbeit, wie man so schön sagt.

Warum konnte die Bombe nicht gegen ein militärisches Ziel eingesetzt werden?

Aus zwei Gründen. Erstens weil es keine militärischen Einrichtungen gab, deren Grösse in einem annehmbaren Verhältnis zum erwarteten Wirkbereich der Bombe stand. Zweitens wegen technischer Unvollkommenheit, wenn wir so sagen können. Die Bombe musste, wie aus dem Einsatzbefehl hervorging, auf Sicht abgeworfen werden. Und zwar aus über 10'000 Metern Höhe und fünf Kilometern Entfernung, damit das Flugzeug genug Zeit hatte, sich aus dem Gefahrenbereich zu entfernen. Radargeräte waren zu diesem Zeitpunkt für solche Zwecke noch nicht brauchbar. Auch die optischen Zielgeräte gewährten nur eine Genauigkeit von einigen hundert Metern. Das heisst, das Ziel musste so gross sein, dass die Bombe auch im schlechtesten Fall nicht auf dem freien Feld explodierte.

Deshalb Hiroshima.

Nein, deshalb eine Stadt. Im Mai wurden zwei Ziele der Klasse AA genannt, Kyoto und Hiroshima, zwei A-Ziele, nämlich Yokohama und Kokura, und Niigata als B-Ziel. Nagasaki kam erst später auf die Liste, als Kyoto gestrichen wurde.

Kyoto?

Kyoto, die ehemalige Hauptstadt, hatte wenig militärische Bedeutung, obwohl sich umfangreiche Industrien dort angesiedelt hatten. "Vom psychologischen Standpunkt", heisst es im Bericht des Target Committee, "hat Kyoto den Vorteil, dass es das geistige Zentrum Japans ist, so dass die Menschen eher die Bedeutung einer solchen Waffe wie das gadget verstehen würden."

Wie beim World Trade Center.

Sie nannten die Bombe the gadget.

Das heisst Gerät oder Apparatur.

Aber nicht in diesem neutralen Sinn. Bei gadget schwingt immer noch eine gewissen Bewunderung für die Genialität der Appatur mit, die uns im Deutschen fremd ist.

Trotzdem wurde Kyoto gestrichen.

Der Kölner Dom wurde auch nicht zerstört. Oder Heidelberg. Und ob der Angriff auf das World Trade Center der Al Kaida nicht letztlich mehr geschadet als genützt hat?

Stimson hatte schon am 1. Juni der Airforce verboten, ohne seine persönliche Erlaubnis Koyoto anzugreifen. Dass diese Stadt als AA-Ziel auf der Liste stand, war eine offene Provokation. Das Target Committee versuchte noch mehrmals, ihn umzustimmen. Doch Stimson hielt bis zuletzt daran fest, dass eine Stadt mit dieser kulturellen Bedeutung nicht zerstört werden durfte. Roosevelt liess sich von seinen Argumenten überzeugen und entschied sich für Hiroshima.

Die Häuser waren ein Argument, aber nicht die Menschen, die in ihnen wohnten.

So einfach ist es nicht. Stimson dachte nicht als Kunstliebhaber, sondern als Politiker. Wenn Kyoto zerstört würde, wäre die Wahrscheinlichkeit gross, dass Japan nach dem Krieg zu Russland überlaufen würde, war seine Befürchtung.

Du warst in Kyoto?

Ja.

Hat es Dir gefallen?

Hm, ja und nein. All diese Tempel waren schön, das ist sicher. Aber beinahe zu schön. Ein bisschen künstlich, fast kitschig. Irgendwie so, wie ein Amerikaner sich Japan vorstellt.

Und Hiroshima?

Daran habe ich keine guten Erinnerungen.

Weshalb?

Ich war nur einen Tag dort. Ich habe die ganze Zeit geweint. Über die Vernünftige Entscheidung, wie Du es nennst. Weshalb konnte man nicht einfach...?

Den Japanern zeigen, was man für eine Waffe besass, ohne sie gegen Menschen einzusetzen?

Zum Beispiel.

Das war es, was 70 Wissenschaftler unter der Führung des polnischen Physikers Leo Szilard im Juli von Truman forderten. Szilard ist übrigens eine interessante Figur. Er hat nicht nur die theoretischen Grundlagen zur atomaren Kettenreaktion gelegt, in einer Arbeit von 1929 beschreibt er auch das Bit als Grundeinheit der Information. Wir finden ihn so unter den Vorfahren beider grosser Errungenschaften des zwanzigsten Jahrhunderts: der Atombombe und des Computers. Daneben hat er unzählige Erfindungen gemacht. Der Linearbeschleuniger, das Zyklotron und das Elektronenmikroskop gehören dazu.

Vom Kreis um Szilard war im Juni 45 auch der sogenannte Franck Report geschrieben worden, die Vorarbeit zu jener Petition. In ihm wurde vorhergesagt, dass der Einsatz der Bombe unweigerlich ein atomares Wettrüsten auslösen würde.

Womit sie recht hatten.

Das war nicht allzuschwer vorauszusehen. Jede neue Technologie hat bisher ein Wettrüsten ausgelöst. Weshalb sollte es die Atombombe nicht?

Und was schlugen sie als Ausweg vor?

Dass die USA der Weltöffentlichkeit eine Demonstration der Zerstörungskraft der Atombombe macht und dann diese Waffe der Kontrolle der Vereinten Nationen unterstellt. Das würde die anderen Staaten motivieren, sich ihnen anzuschliessen und ein Wettrüsten fände nicht statt.

Was ist das Falsche daran?

Die Vereinten Nationen besassen gar nicht die Macht, um einen solchen Vertrag durchzusetzen. Die Wissenschaftler machen sich zum Teil ganz merkwürdige Vorstellungen davon, wie Politik funktioniert.

Manchmal auch die Politiker selber.

Meinst Du Truman?

Nein Gandhi. Er hatte 1941 an Hitler einen Brief geschrieben, in dem er ihm die Vorzüge der Gewaltlosigkeit beschrieb und ihn bat, doch mit dem schrecklichen Krieg aufzuhören. Eine Bekannte von mir aus der Friedensbewegung hat mich einst auf diesen Brief aufmerksam gemacht. Sie hat Gandhi sehr gelobt für diese Tat, nicht zuletzt, weil er Hitler mit "Lieber Freund" anredete. Ich dagegen habe nie recht verstanden, was er sich davon versprach. Rein vom Pychologischen, von der Methodik her. Ich kann auch nicht einem Drogensüchtigen aufzählen, wie viele Vorteile das drogenfreie Lebens hat und dann erwarten, dass er sich am nächsten Tag zum Entzug anmeldet.

Jene Wissenschaftler machten einen Fehler, der ihnen im Grunde nicht unterlaufen durfte: Sie gingen von falschen Voraussetzungen aus. Sie hatten noch etwas übersehen.

Nämlich?

Dass sie in dieser Frage gar nicht mitzubestimmen hatten. Ihre Aufgabe war es, die Bombe zu bauen, mehr nicht. Über den Einsatz zu entscheiden lag in den Händen des Präsidenten, der während eines Krieges zugleich Oberbefehlshaber der Armee ist.

Jene 70 waren übrigens keine aussenstehenden Laien, sondern allesamt Mitarbeiter des Manhattan Projektes.

Entschuldige, dass ich Dich schon wieder unterbreche. Was ist das Manhattan Projekt?

Manhattan Projekt war der Codename für das Entwicklungsprojekt der Atombombe. Es stand seit Sommer 1942 unter der Leitung von General Leslie Groves, der schon den Bau des Pentagon beaufsichtigt hatte. Als Chef des Forschungslaboratoriums in Los Alamos hatte er J. Robert Oppenheimer berufen, einen amerikanischen Physiker, der in Harvard und Cambridge studiert und in Deutschland doktoriert hatte. Oppenheimer gelang es, von wenigen Ausnahmen abgesehen, alle führenden Wissenschaftler seiner Zeit um sich zu versammeln. Da das Projekt erste Priorität genoss, standen ihm beinahe unbegrenzte Mittel zur Verfügung. Es entwickelte sich eine unglaubliche Dynamik. Stell Dir vor: die Besten der Besten arbeiten zusammen, und sie bekommenn alles, was sie wollen. Keine Kreditanträge, keine Bewilligungsverfahren waren nötig. Ihr braucht zwei Milliarden Dollar? Also bekommt Ihr zwei Milliarden Dollar! Das Projekt nahm einen solchen Umfang an, dass bis Kriegsende schätzungsweise eine halbe Million Menschen auf die eine oder andere Weise dafür tätig waren.

Die meisten Wissenschaftler in der Kerngruppe um Oppenheimer waren Europäer, die in den 30er-Jahren vor den Nazis oder den Faschisten aus Europa geflüchtet waren. Viele Juden waren darunter, die von der Verfolgung und Ermordung ihrer Verwandten wussten. Sie hatten nicht nur ein gemeinsames Interessengebiet, sondern auch eine gemeinsame Motivation: Hitler und seine Armee zu vernichten. Das sieht man schon aus dem Einstein-Brief von 1939.

Noch ein Brief? Auch so einer wie der von Gandhi?

Im Gegenteil. Einstein schrieb am 2. August 1939 auf Anraten des vorhin erwähnten Leo Szilard an Roosevelt. Er und Szilard kannten sich schon seit Mitte der 20er Jahre. Sie hatten zusammen einen Kühlschrank entwickelt mit einer Pumpe ohne bewegliche Teile, der Einstein-Szilard-Pumpe als Herzstück.

Wie kamen sie darauf, Kühlschränke zu bauen?

Aus Menschenliebe. Kühlschränke waren zu jener Zeit etwas Gefährliches. Als Kühlmittel wurde zur Hauptsache Ammoniak verwendet, und die mechanischen Pumpen leckten oft, was nicht selten zu tödlichen Unfällen führte. Es kam sogar vor, dass ganze Familien ausgelöscht wurden.

30 Tage vor Kriegsausbruch schrieb Einstein den Brief an Roosevelt. Seine und Szilard's Hauptsorge war, dass die Deutschen Belgien angreifen und dadurch Zugriff auf die belgischen Uranvorräte erhalten würden. Dass sich deutsche Wissenschaftler, vor allem im Umkreis von Weizsäcker's, für die Nutzung der Kernspaltung für militärische Zwecke interessierten, war allgemein bekannt. Auch fiel auf, dass seit dem Einmarsch der Deutschen die Uranexporte aus der Tschechoslowakei aufgehört hatten.

Allerdings waren Szilard und Einstein noch der Ansicht, dass eine Atombombe aller Wahrscheinlichkeit nach zu schwer für den Transport mit einem Flugzeug sein würde.

Sie kannten die B-29 noch nicht.

Einstein machte den Vorschlag, dass die USA von staatlicher Seite her ein Forschungsprogramm zum Bau der Bombe starten sollten.

Was Roosevelt auch tat. Also haben Wissenschaftler doch Einfluss.

Im Moment geschah noch nichts. Bis das erste Projekt anlief, vergingen nochmals zwei Jahre. Das National Research Committe in Washington gründete im Sommer 1941 eine "Abteilung Uran". Zu Beginn lief noch alles auf Sparflamme. Erst gegen Ende 1941 wurden mehr Mittel freigegeben.

Der Leiter des Amtes für Forschung und Entwicklung war damals ein gewisser Vannemar Bush. Noch so eine interessante Figur. Er beschrieb kurz vor Kriegsende das Modell einer Maschine, die er Memex nannte und die nach dem Prinzip von Schlüsselbegriff und Assoziation funtionierte. Die Theorie des Hyperlinks, die Grundstruktur des Internet. Er dachte aber bei ihrer Anwendung noch nicht an den Computer. Die wenigen Computer, die es damals schon gab, waren so gross wie ganze Häuser und wurden nicht zum Speichern von Daten gebraucht, sondern zum Rechnen.

Was berechneten sie?

Die Flugbahnen von Artilleriegeschossen.

Dieser Vannemar Bush konnte am 6. Dezember 1941 seinen Mitarbeitern mitteilen, dass die Regierung endlich die Bedeutung der Atombombe erkannt hatte und bereit war, bedeutende Mittel freizustellen.

Der 6. Dezember 1941, ist das nicht der Tag von Pearl Harbor?

Nein, der Tag davor.

Haben nun die Wissenschaftler einen Einfluss oder nicht?

Sie haben ihn, aber nur insofern, als sie die Politiker und Militärs über neue Technologien informieren und die Technologien weiterentwickeln können.

Hegel sagt in diesem Zusammenhang etwas Interessantes...

Das musste ja kommen.

Was?

Hegel. Immer wenn man mit Dir spricht, kommt irgendwann ein Hegel-Zitat.

Diesmal hoffentlich zurecht. Hegel war der konsequenteste rationale Denker in der Philosophiegeschichte, und wenn wir uns über vernünftige Entscheidungen unterhalten, hat er wohl ein Wort mitzureden.

Das wäre?

In der Logik analysiert er die zweckmässige Tätigkeit. Der Mensch setzt sich einen Zweck und verwendet ein Werkzeug oder ein Mittel, um ihn zu erreichen. Dem Menschen geht es darum, sein Ziel zu erreichen und das Mittel ist ihm gleichgültig. Wenn wir es aber genauer betrachten, ist das Mittel die "Vernünftigkeit als solche", "ein Höheres als die endlichen Zwecke der äusseren Zweckmässigkeit; - der Pflug ist ehrenvoller, als unmittelbar die Genüsse sind, welche durch ihn bereitet werden und die Zwecke sind."1

Die Atombombe ist ehrenvoller als...

Zumindest besitzt der Mensch an ihr im höchsten Sinn "die Macht über die äusserliche Natur". Was ich sagen wollte: Das Ziel der Wissenschaftler war, eine Waffe, irgendeine Waffe zu entwickeln, mit der Hitler vernichtet werden konnte. Als die Deutschen aber im Mai kapitulierten und es sich abzeichnete, dass die Bombe gegen Japan eingesetzt würde, wurde mit einem Mal klar, dass der unmittelbare Zweck des Einsatzes gegen Hitler der Bombe nicht anhaftete. Sie emanzipierte sich von den Motiven ihrer Erbauer und liess sich ohne weiteres auch gegen Japan verwenden. So haben wir es aber nicht gemeint! beschwerten sie sich. Aber die Bombe hatte sich schon in die Reihe der Errungenschaften der Zivilisation eingereiht und stand beliebigen Zwecken zur Verfügung.

Errungenschaften der Zivilisation, das klingt nicht schlecht!

Heute wird auch wieder an einer solchen Errungenschaft gearbeitet.

An einer neuen Bombe?

An der Gentechnologie. Wir brauchen sie, um Alzheimer zu bekämpfen, sagen uns die Wissenschaftler. Oder damit in Afrika niemand mehr hungern muss. Und wenn sie dann fertig, oder sagen wir brauchbar wird, stellt sich heraus, dass auch sie ein Werkzeug ist, das sich für dies und jenes brauchen lässt. Vielleicht auch für den Krieg. Ziemlich sicher sogar.

Brauchen können und brauchen ist ein Unterschied. Wir haben seit dem zweiten Weltkrieg eine Menge von Kriegen erlebt, ohne dass die Bombe auch nur einmal eingesetzt wurde. Weshalb war es damals nötig?

Die Alternative war, Japan auf konventionelle Weise zu erobern. Es gab "Plan Olympic": Am 1. November auf der südlichsten japanischen Insel, auf Kyushu zu landen. Vier Monate später, am 1. März 1946, würde die Hauptinsel Honshu an der Bucht von Tokyo angegriffen. Diese Operation trug den Namen "Plan Coronet". Die Vorbereitungen dazu waren bereits im Gange. 36 Divisionen mit mehr als eineinhalb Millionen Mann würden gegen die geschätzten 1.8 Millionen japanischer Soldaten antreten. Man prognostizierte auf der eigenen Seite Verluste von einer halben Million.

Und 500'000 Amerikaner sind mehr wert als 200'000 Japaner.

Der erste Weltkrieg hatte die USA 53'000 Opfer gekostet, der Kampf gegen Deutschland ungefähr 200'000. Dies nur zum Vergleich. Doch es ging nicht nur darum. Der Faktor Zeit spielte auch eine Rolle. Die Sowjetunion drängte auf einen Kriegseintritt gegen Japan. Es war offensichtlich, dass die Russen, würde der Krieg noch lange dauern, den Kampf gegen Japan zum Vorwand nehmen würden, um die Mandschurei und weitere Teile Asiens zu erobern. Die Atombombe war das einzige Mittel, um Japan innert kürzester Zeit in die Knie zu zwingen und so den russischen Eroberungszug im Keim zu ersticken.

Wirklich sehr vernünftig! Machen wir uns nicht selber etwas vor, rationalisieren wir nicht ein bisschen, indem wir nur das Jahr 1945 anschauen und den Krieg einfach als gegeben hinnehmen? War es etwa auch notwendig, dass Japan Pearl Harbor angriff? Es hätte sich manches vermeiden lassen.

Du meinst, dass Mitte November 1941, als der japanische Sonderbotschafter in Washington eintraf...

...um die Amerikaner so lange hinzuhalten, bis die Flugzeugträger vor Hawaii in Angriffsposition waren...

Das ist die offizielle amerikanische Version der Geschichte.

Saburo Kurusu, so hiess der Botschafter, war eine bemitleidenswerte Gestalt. Mit einer amerikanischen Frau verheiratet und lange Zeit als Botschafter in den USA tätig, war er im Grunde ein westlicher Intellektueller mit japanischer Herkunft. Und er war überzeugter Pazifist. Trotzdem wurde er als der bekannt, der zuerst den Dreimächtepakt mit Deutschland und Italien unterzeichnete, und nachher als der, der die wahren Absichten Japans vor den USA zu verbergen verstand, so dass sie aus heiterem Himmel zuschlagen konnten.

Du meinst, Szilard hat wenigstens noch einen Kühlschrank erfunden.

Als Kurusu am 15. November in Washington eintraf, gab er seiner Mission nur geringe Chancen. Sein Auftrag war, endlich einen friedlichen Ausweg aus den Verhandlungen mit den USA zu finden, die nun schon seit einem halben Jahr im Gange waren. Er war sogar berechtigt, einen Rückzug aus China anzubieten, wenn im Gegenzug das Handelsembargo aufgehoben würde.

China? Handelsembargo?

Japan hatte 1931 die Mandschurei besetzt und im Jahr darauf den Staat Mandschuko gegründet. Eine Schiesserei zwischen chinesischen und japanischen Soldaten bei Peking wurde 1937 zum Anlass genommen, in China einzumarschieren. Diese Aktionen folgten dem 1926 gefassten Plan, durch das Schaffen eines ostasiatischen Wirtschaftsraumes einen Ausweg aus der Wirtschaftskrise zu finden. 1939 kündigten die USA den seit 28 Jahren bestehenden Handelsvertrag und verhängten eine Quarantäne gegen Japan. Die Einfuhr kriegswichtiger Stoffe wie Öl und Eisen wurde unterbrochen. Ein Versuch, selber in den Besitz von Rohstoffquellen zu kommen, war die Sperrung der Burmastrasse, die Besetzung des nördlichen Indochinas im Jahr 1940 und der im Juli 1941 gestartete Angriff auf Französisch Indochina.

Und die USA liessen sie gewähren?

Nein, es gab wie gesagt das Embargo und seit Juli eine Sperrung der japanischen Guthaben im Ausland. Militärische Aktionen waren noch nicht geplant. Roosevelt und sein Aussenminister Cordell Hull befürworteten zwar einen raschen Kriegseintritt der USA, doch dachten sie erster Linie an den Krieg gegen Deutschland. Im Kongress hatten sie nur eine Minderheit hinter sich. Die Mehrheit war der Ansicht, die USA müsse sich aus den Angelegenheiten anderer Staaten heraushalten.

Das waren noch Zeiten!

Die Lage in Japan wurde wegen des Embargos immer prekärer. Die Versorgung der Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln war kaum noch möglich, und die Benzin- und Ölvorräte standen kurz davor, auszugehen.

So wäre eine Lösung vor allem im Interesse Japans gewesen.

Und eine rasche Lösung. Von Aussenminister Tojo hatte Kurusu die Weisung erhalten, die Verhandlungen bis Ende November abzuschliessen. Sie schienen zu Beginn einen positiven Verlauf zu nehmen. Bis Hull am 26. November eine Position einnahm, die alle japanischen Vorschläge des vergangenen halben Jahres ignorierte: Er forderte, dass Japan sich aus allen besetzten Gebieten zurückzieht und aus dem Dreimächtepakt austritt, bevor es von den USA irgend ein Entgegenkommen erwarten durfte. Sogar die amerikanische Presse fasste dies als versteckte Kriegserklärung auf. Den Japanern blieb die Alternative: Angreifen oder Verhungern.

Die Dinge so zu betrachten...

Im Gegenteil. Wenn wir sie noch genauer betrachteten, würden wir feststellen, dass die Position der USA keineswegs der persönlichen Willkür von Hull und Roosevelt entsprang.

Und der japanische Einmarsch in China?

Und auch die amerikanische Annexion der Philippinen um die Jahrhundertwende, bei der gegen eine Million Filipinos ihr Leben verlor. So können wir immer weiter zurückgehen.

Hinab in den Brunnen der Vergangenheit. Wohin? Bis zu Kolumbus? Oder noch weiter? Bis zum Sündenfall? Bis zum Urknall?

Obwohl ich nicht religiös bin, würde ich eher auf den Sündenfall tendieren.

Auf den Sündenfall? Weshalb?

Weil es irgendwann eine Zäsur gab in der menschlichen Geschichte. Weil sie irgendwann eine eindimensionale Fatalität, eine verhängnisvolle Richtung annahm. Oder genauer gesagt, weil vor diesem Zeitpunkt der Mensch noch gar keine Geschichte hatte.

Wann war das, bei den Neandertalern?

Die Neandertaler waren keine direkten Vorfahren des Menschen, wie Du vermutlich weisst. Die Zäsur, von der ich spreche, liegt ungefähr 10'000 Jahre zurück. Sie umfasst mehrere Ereignisse, von denen das wichtigste ist, dass die Menschen sesshaft wurden.

Wie? Das vorher waren auch schon Menschen? Die mit dem Fell um den Bauch und er Keule in der Hand?

Du machst eine gefährliche Unterstellung. Wenn Du annimmst, dass der Mensch erst Mensch ist, seit er sesshaft ist, hast Du selbstverständlich recht. Aber Du hinderst Dich daran, die Frage überhaupt stellen zu können, weil Du sie bereits zum vornherein beantwortest. Wenn wir dagegen die Erkenntnis zulassen, dass es schon vor einer Million Jahren Wesen gegeben hat, die uns in Fähigkeiten und Intelligenz mehr oder weniger gleichwertig waren, so müssen wir zugeben, dass der Mensch eben während 990'000 Jahren, also während 99 % seiner Zeit auf diesem Planeten nicht sesshaft, nicht Ackerbauer, nicht Viehzüchter war.

Gleichzeitig mit dem Sesshaftwerden fingen die Menschen nämlich an, Pflanzen nicht mehr zu suchen, sondern zu säen, und Tiere nicht mehr zu jagen, sondern zu züchten. Und ebenfalls zur gleichen Zeit kristallisierten ihre unterschiedlichen Tätigkeiten in der Form einer festen Arbeitsteilung. Vor allem zwischen Mann und Frau. Zwischen Herrscher und Beherrschten.

Das ist ein bisschen viel auf einmal. Vor allem ist mir nicht klar, was das mit Hiroshima zu tun hat.

Sehr viel. Mit dem Sesshaftwerden nahm die Vernunft in der menschlichen Tätigkeit die Überhand. Und als Ausdruck davon auch im menschlichen Denken. Hiroshima ist einer der seltenen Momente in der Geschichte, der das Geheimnis dieses Mechanismus ausspricht.

Und das wäre?

Rationalität impliziert Destruktion.

Klingt mir nicht wie des Rätsels Lösung, eher wie das Orakel von Delphi. Gibt es das auch auf Deutsch?

Vernunft und Zerstörung sind Brüder.

Und das willst Du mit Hiroshima beweisen?

Nein, nur illustrieren. Es ist ein Beispiel und beweist noch gar nichts.

Vielleicht sogar ein schlechtes Beispiel.

Warum?

Weil es im Krieg um das Töten geht. Das versteht sich von selbst. Hiroshima sagt nichts anderes, als: Im Krieg werden Menschen getötet.

Nein, es sagt noch mehr. Ich will nur am Rande erwähnen, dass es so etwas wie den Vernichtungskrieg nur innerhalb der Zivilisation gibt und Du wieder eine Unterstellung machst, die sich keineswegs von selber versteht.

Das Beispiel Hiroshima sagt, dass die Vernunft auch dort nicht haltmacht, wo es um den Tod von Hunderttausenden von Menschen geht. Und damit verrät sie sich.

Sie verrät sich?

Vernunft ist zuerst Trennung von Subjekt und Objekt. Pflanzen, Tiere, Menschen werden zu Objekten, die zu erkennen und zu beherrschen sind. Wozu? Um den Zweck des Subjektes zu erfüllen.

Zweitens beinhaltet Vernunft, dass das Subjekt sich den Zweck selber setzt, vielleicht im Zusammenspiel mit anderen Subjekten, aber auf keinen Fall lässt es sich von Zwängen bestimmen, die von den Objekten, von der Natur ausgehen.

Klingt kompliziert.

Einfach gesagt: Die Herrschenden setzen sich zusammen und fragen in die Runde: Where do we want to go today?

Und wohin gehen sie?

Immer weiter auf dem Weg des Fortschritts.

Wo ist das Problem daran?

Dass die Natur und die Menschen zu Objekten werden, bedeutet, dass die Einheit von Mensch und Mensch und die Einheit von Mensch und Natur aufgelöst wird. Die erste Form der Zerstörung.

Und die zweite?

Für das Objekt, das Beherrschte, folgt daraus, dass es nur noch insofern in Betracht kommt, als es nützt, als es benützt werden kann.

Und wenn schliesslich das Objekt zum Erreichen des Ziels nicht mehr nötig ist, oder wenn es dem Erreichen des Ziels im Wege steht, hat es seine Existenzberechtigung verloren. Die endgültige Form der Zerstörung.

Können sie es nicht weiterleben lassen?

Nein. Die Herrschenden müssen vernünftig sein. Wenn sie nicht mehr vernünftig sind, verlieren sie die Herrschaft. Sie müssen vernichten, wenn sie nicht selber zugrunde gehen wollen.

Das bedeutet, dass ihre Tätigkeit auch sie selber nicht unberührt lässt. Der Preis, den sie selber zahlen, ist ebenfalls hoch. Die Forderung an sie ist, alles in sich abzutöten, was nicht praktische Vernunft ist. Vernunft ist immer auch Selbstzerstörung.

Rationalität ist suizidal, um unser Sprachniveau beizubehalten.

Danke.

Truman hat Skrupel gehabt.

Aber nicht als Herrschender. Als Präsident der USA, als Oberbefehlshaber der Armee lautete seine Frage: Hiroshima oder Kyoto? Und die rationale Antwort: Hiroshima. Doch etwas anderes spielte noch herein. Etwas, das nichts mit seiner politischen Funktion zu tun hatte. Es riet ihm, vom Töten abzulassen. Es war ein Zeichen der Schwäche. Er tat gut daran, es zu unterdrücken. In seiner Funktion als Präsident, meine ich, tat er gut daran.

Wäre es nicht möglich gewesen, wenn er gelernt hätte, damit umzugehen, es nicht als Schwäche anzusehen, wenn er es als einen Teil von sich hätte akzeptieren können, wäre es nicht möglich gewesen, dass er dann eine - menschlichere Lösung gefunden hätte?

Nein, dann wäre er abgesetzt worden. Oder er wäre gar nicht erst zu diesem Amt gekommen.

Und das alles nur, weil jemand vor 10'000 Jahren eine Weinrebe pflanzte... Ich verstehen je länger, je weniger. Aber mir fällt etwas ein.

Was?

Ich habe auch einmal Hegel gelesen. Und zwar die Vorlesungen über die Philosohpie der Geschichte. Du hattest mir gesagt, dieses Buch eigne sich am besten als Einstieg. Wobei ich nicht behaupten will, dass ich es bis zu Ende gelesen habe. Trotzdem hat sich mir etwas eingeprägt: Hegel sagt, es sei vernünftig gewesen, dass die Indianer ausgerottet wurden.

Langsam kommen wir der Sache auf die Spur.

Ganz so direkt drückt er sich allerdings nicht aus. "Von Amerika und seiner Kultur", sagt er im einleitenden Kapitel über die geographischen Grundlagen der Weltgeschichte, "von Amerika und seiner Kultur, namentlich in Mexiko und Peru, haben wir zwar Nachrichten, aber bloss die, dass dieselbe eine ganz natürliche war, die untergehen musste, sowie der Geist sich ihr näherte."2 Er nennt noch einige Details dieses Untergangs und beschreibt die "Inferiorität dieser Individuen in jeder Rücksicht"3, die in den "Mangel der absoluten Organe" mündet, "wodurch eine gegründete Macht herbeizuführen ist, der Mangel nämlich des Pferdes und des Eisens."4 Diese absoluten Organe, das Pferd und das Eisen, sind die vorhin erwähnte unterworfene, objektivierte Natur, mit deren Hilfe sich die Menschen unterwerfen lassen. Da sie den amerikanischen Ureinwohnern fehlte, wurden sie notwendigerweise besiegt.

Was sagt er sonst noch über sie?

Nichts. Sie sind eine Anekdote in der Einleitung zur Geschichtsphilosohpie, in der Geschichte selber haben sie keinen Platz. Dass in den Jahren 1822 bis 1830, während derer Hegel diese Vorlesung hielt, der Völkermord in Nordamerika gerade erst seinem Höhepunkt entgegenstrebte, übersah er grosszügig.

Und das nennt sich philosophische Weltgeschichte?

Hegel ist der Philosoph der Zivilisation. Wenn wir ehrlich sind, ist auch uns alles, was unter ihren Rädern plattgewalzt wurde, höchstens noch eine Anekdote wert. Die Denkweise, der wir bei Hegel begegnen - dass es die Schuld des Opfers ist, geopfert zu werden -, gibt diesem Vernichtungszug Ausdruck und ist charakteristisch für die Rationalität. Sie ist bis heute weit verbreitet, nicht nur in populären Weltbildern oder bei populistischen Politikern, auch in der Rechtssprechung mit ihrem in dubio pro reo oder in jener einflussreichen Richtung der Psychologie, die behauptet, dass einem Menschen nur das widerfahren könne, was in ihm bereits angelegt sei.

Ich weiss wohl, worauf Du anspielst. Aber ist es Dir recht, wenn wir langsam zu einem Ende kommen? Wenn ich Dich recht verstehe, beschreibst Du, ein Dreieck mit den Eckpunkten Zivilisation, Vernunft, Zerstörung. Ein Dreieck mit Rädern, sehr gut. Kommen wir damit der Sache wirklich auf die Spur? Im Moment sind es für mich einfach ein paar abenteuerliche Behauptungen, die Du aufstellst, die ich aber nicht nachvollziehen kann.

Doch nehmen wir einmal an, es ist so, dass das Dreieck existiert, was folgt dann daraus? Dass wir nicht rational sein sollen?

Hitler war nicht rational.

Er hätte die Bombe auf Kyoto geworfen.

Oder auf den Kaiserpalast, was auch eine Option gewesen war.

Also dürfen wir nicht Politiker werden?

Und sonst?

Auch nicht Wissenschaftler, und nicht... Psychologe vermutlich auch nicht. Bleibt da noch etwas übrig?

Allzugenau betrachtet vermutlich nicht.

Ich denke, die Frage muss in zwei Schritten angegangen werden, in einem theoretischen und einem praktischen. Wollte ich Dich noch mehr verwirren, so könnte ich einfliessen lassen, dass die Zweiteilung der Frage auch auf jene Zäsur zurückzuführen ist.

Nein, bitte lass das. Genug für heute!

Auf der theoretischen Seite ist es relativ einfach, die Vernunft zu durchschauen. Geht es dann darum, die Erkenntnis in der Praxis umzusetzen...

Wenn ich dazu die ganze Klassische Deutsche Philosophie vorwärts, rückwärts und spiegelverkehrt beherrschen muss, würde ich es nicht gerade als einfach bezeichnen.

Du hast natürlich recht. Nicht, dass Du Kant und Hegel auswendig kennen musst, aber dass es schwierig ist. Es widerstrebt uns, etwas zu denken, das unserer Lebensweise widerspricht. Wir lernen schon von früh auf, dass es nicht anders geht, dass es Tabu ist, seine Zeit überspringen zu wollen.

Wenn Du dagegen den Sprung nicht wagst und Dich vereinnahmen lässt, wirst Du Dein ganzes Leben lang nur noch Alternativen begegnen, die lauten: Hiroshima oder Kyoto? Und Du kannst Deine Zeit damit verbringen, die Daten zusammenzutragen, auf denen solche Entscheidungen basieren. Oder damit, die Entscheidungen umzusetzen. Auftrag ist Auftrag, Befehl ist Befehl, der Kunde ist König und Geld stinkt nicht. Du wirst es rational begründen und rechtfertigen können, dass es auf der ganzen Welt noch kein einziges Endlager für hochradioaktive Abfälle gibt. Oder dass 18'000 Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht sind, dass bis in fünfzig Jahren ein Viertel bis die Hälfte aller Arten ausgestorben sein wird, dass 90 Prozent der Weltmeere leergefischt sind, dass jede Sekunde Wald von der Fläche eines Fussballplatzes abgeholzt oder abgebrannt wird - zwei Drittel aller Wälder sind bereits verschwunden -, dass alle drei Sekunden ein Kind an einer einfach zu behandelnden Krankheit oder an Unterernährung stirbt, ohne dass es das fünfte Lebenjahr erreicht hat, dass alle acht Sekunden jemand an den Folgen des Rauchens stirbt.

Und weisst Du, woran Du ein Kriterium hast, dass Du vollständig absorbiert worden bist? Daran, dass Dich all das, was ich aufgezählt habe, gar nicht interessiert. Da Du beispielsweise genug damit zu tun hast, zu verifizieren, ob die Bombe tatsächlich 25 Prozent ihrer Wirkung verliert, wenn sie 14 Prozent über der optimalen Höhe detoniert.

Und wenn ich mich nicht vereinnahmen lasse?

Du bist es bereits. Die Frage lautet höchstens: Wie kommst Du davon los?

Wie komme ich los?

Im Denken, das habe ich versucht zu beschrieben. Aber in der Praxis? Das weiss ich selber erst in ein paar Ansätzen. Und ich habe einen Verdacht, der mir stark zu schaffen macht.

Welchen Verdacht?

Dass wir, um loszukommen, selber auch Bomben bauen müssen.



Fußnoten

...1
Wissenschaft der Logik II, Der ausgeführte Zweck, S. 453
...2
Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, S. 107-108
...3
S. 108
...4
S. 109

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