Ozeanisches Gefühl

Als Reaktion auf seine religionskritische Schrift "Die Zukunft einer Illusion" von 1927 erhielt Freud vom französischen Schriftsteller Romain Rolland einen Brief, in dem ihm dieser vorwarf, das, wie er es nennt, "ozeanische Gefühl" als Quelle der Religiosität gänzlich vernachlässigt zu haben.

Freud gesteht ein, dieses Gefühl der "Zusammengehörigkeit mit dem Ganzen" in sich nicht entdecken zu können6, versucht aber doch, es sich plausibel zu machen. Mit Blick auf die Pathologie konstatiert er die Existenz von Zuständen, in denen die Grenze zwischen Ich und Aussenwelt unsicher oder falsch gezogen erscheint. Auch das Kind kenne noch nicht die dem Erwachsenen geläufige scharfe Abgrenzung zwischen Ich und Anderem, stellt er fest. "Ursprünglich enthält das Ich alles, später scheidet es eine Aussenwelt von sich ab."7 Und dem anfangs noch uneingeschränkt herrschenden Lustprinzip gesellt sich als Korrektiv das Realitätsprinzip, das beim Erwachsenen schliesslich die Vormacht übernimmt. Finden sich bei Erwachsenen doch noch Überbleibsel jener frühen Zustände, Formen der "Erhaltung des Primitiven", so ist dies meist die "Folge einer Entwicklungsspaltung"8: Anstatt dass sich ein Trieb zum Erwachsensein reinigt, bleibt er zu einem Teil auf einer früheren Stufe stehen. Ob nun gerade das ozeanische Gefühl die Quelle der Religion ist oder ob die von Freud bevorzugte "Ableitung von der infantilen Hilfslosigkeit"9 näher am Kern der Sache ist, auf jeden Fall gilt ihm die Religion als gleichwertig dieser Hilfslosigkeit, nämlich "offenkundig infantil"10.

Das Argument, das einen Zustand als infantil abtut und damit das Kind als primitiv, potentiell krank diffamiert, ist nur das der Stärke. Selten wird so deutlich wie hier die Hilflosigkeit als Einwand vorgebracht, immer aber schwingt die Drohung mit: "Ich bin stärker als du!". Sie nimmt ihre Gewalt nicht nur aus der physischen Überlegenheit des Erwachsenen, sondern aus der Macht der Tatsachen, der sich auch dieser beugt, und die sich unter dem Namen Realitätsprinzip zum letztgültige Mass der Psychoanalyse aufschwingt. Schon der Verdacht, die Zusammengehörigkeit mit dem Ganzen sei vielleicht doch nicht das gänzlich falsche Bewusstsein, liegt damit ausser Reichweite.

Der Vorwurf der Infantilität an das ozeanische Gefühl vergisst zuerst, dass das vermeintliche Ich, das die Aussenwelt noch nicht von sich absgespaltet hat, gar nicht das selbe Ich sein kann, das sich gereift und geläutert im Erwachsenen wiederfinden soll. Ich und Aussenwelt, Subjekt und Objekt, bedingen sich gegenseitig. Keines ist ohne das andere. Das Ich ist kein in sich Ruhendes, seit jeher schon im Keim Dagewesenes, sondern Resultat einer aktiven Abgrenzung, der Abgrenzung von der Natur, der "Umwelt" und von anderen Ich. Und noch im Innern des Subjekts ein Resultat der Grenzziehung gegenüber dem Es und dem Über-Ich.

Weiter ist die Trennung zwischen Ich und Aussenwelt keine derart abolute, wie die von Subjektivem sich reinigende Wissenschaft es gerne sähe. Schon die objektive Erkenntnis könnte sich im Subjekt nicht bilden, gäbe es keinen wie auch immer gearteten Zusammenhang zwischen ihm und dem Objekt. Das Aufdecken von Gesetzmässigkeiten nach allgemeinen Formen der Erkenntnis, die das Subjekt als einziges zur Sache zu bringen glaubt, fände nicht statt, wenn diese Formen nicht auch dem Objekt anhafteten. Und sie würde ebenfalls scheitern, wenn das Objekt nicht bereits schon beim Subjekt wäre, obwohl es gerade darin sich auzeichnet, nicht das Subjekt zu sein.

Das Kind, das sich als Eins mit der Welt erlebt, hat gerade darin einen Vorsprung vor dem Erwachsenen, dem unter dem Eindruck der Grenzen und Gesetze das Übergreifende verloren geht. Das soll nicht heissen, das Frühere sei das Bessere, aber der Meinung widersprechen, das Spätere sei die Wahrheit des Früheren. Fehlendes Nachdenken über diese eingestandenermassen komplexen Verhältnisse verurteilt die der Objektivität nachrennende Wissenschaft dazu, alle Möglichkeit von Fehler und Krankheit nur im Subjekt zu suchen, während sie die Objektivität als So nun einmal Seiendes ungeprüft übernimmt. Und sie überlässt auf der anderen Seite das Denken des Ganzen der Willkür von Weltanschauungen, die sich mit dem Stempel der Ganzheitlichkeit eine höhere Weihe zu geben versuchen. Sie beide, Wissenschaft und Weltanschauung, tangieren dabei das Seiende so wenig, dass die Technokraten ungestört walten können.



Fußnoten

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